Titel: Vom Feldrand ins Rampenlicht: Die bewegte Geschichte des Hongkonger Blumenmarkts

Der Blumenmarkt von Mongkok ist weit mehr als eine blühende Einkaufsstrasse. Seine Wurzeln reichen ins 19. Jahrhundert zurück, als Bauern aus dem Hinterland hier ihre Ernte anpriesen. Aus dem informellen Handel entwickelte sich über Jahrzehnte eines der ungewöhnlichsten Stadtviertel Hongkongs – mit mehr als hundert Läden, einer eigenen Dynamik und einer Geschichte voller Widersprüche.

Anfänge am Feldrand
Nach der Öffnung des Hafens Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden rund um das heutige Kowloon erste Bauernhöfe. Die chinesischen Landwirte verkauften Gemüse und Blumen auf offenem Feld an einem Punkt, der heute mitten in der Stadt liegt. Als 1860 die Halbinsel Kowloon an Grossbritannien fiel, änderte sich an diesen Märkten zunächst wenig: Die Bauern brachten ihre Ware früh am Morgen an den Strassenrand, verkauften sie und kehrten auf ihre Felder zurück.

Eisenbahn und offizielle Strasse
Mit der Eröffnung der Eisenbahnlinie von Guangzhou im Jahr 1910 wurde der Markt schlagartig attraktiver. Schnell kamen Händler aus der Region dazu. In den 1940er-Jahren erhielt das Areal mit der Flower Market Road eine eigene offizielle Adresse – ein wichtiger Schritt zur Institutionalisierung. Allerdings datieren andere Quellen den Strassennamen erst auf die 1970er-Jahre. Sicher ist: Die Lage zwischen Wohnvierteln und Werkstätten machte den Markt auch für die wachsende Bevölkerung schnell erreichbar.

Wandel zu einem Handelsquartier
In den 1970er- und 1980er-Jahren veränderte sich der Charakter grundlegend. Hongkongs Industrialisierung liess die landwirtschaftliche Fläche schrumpfen. Immer mehr Bauern gaben ihre Stände auf und verkauften ihre Rechte an Geschäftsleute. Aus den Gemüseäckern wurde ein Grosshandelsquartier für Schnittblumen und Zierpflanzen. Die neue Generation waren nicht mehr selbst Anbauer, sondern Importeure, die Blumen aus China und später aus aller Welt einführten.

Vom Grossmarkt zum Publikumsmagneten
Jahrzehntelang richtete sich das Quartier fast ausschliesslich an Fachleute. Blumenläden aus ganz Hongkong deckten sich hier ein. In den 1990er-Jahren öffnete sich der Markt dann einem breiten Publikum. Drei Entwicklungen spielten zusammen:

  • Festkultur: Die jährlichen Neujahrsblumenmärkte und die Hongkonger Blumenschau weckten Begehren.
  • Wohnraum: In der dicht besiedelten Stadt besitzen die wenigsten Menschen einen Garten. Zimmerpflanzen und Orchideen waren der einfachste Weg, Natur in die Wohnung zu holen.
  • Schenktradition: Sträusse sind in Hongkong bei Geschäftseröffnungen, Einweihungen und Festen unverzichtbar.

Gleichzeitig zog der nahe gelegene Vogelmarkt von Yuen Po Street Besucher an, die beide Ziele gerne kombinieren.

Orchideen und Dauerläden
Seit den 2000er-Jahren sind vor allem erschwingliche Orchideenhybriden aus Festlandchina der Renner. Sie prägen bis heute das Sortiment. Entscheidend fürs Überleben war auch die Architektur: Während viele Hongkonger Strassenmärkte unter staatlichen Sanierungsplänen verschwanden, blieb der Blumenmarkt wegen seiner permanenten Läden weitgehend verschont. Diese Behauptung stammt allerdings vor allem aus Reiseführern – belegt ist sie nicht.

Der Markt heute
Der Kalender bestimmt das Geschäft:

  • Chinesisches Neujahr: Pfirsichblüte, Kumquat-Bäume, Narzissen und Chrysanthemen für Glück und Wohlstand.
  • Valentinstag und Muttertag: Rosen und Nelken dominieren.
  • Rest des Jahres: Sukkulenten, Bonsai, Töpfe, Erde und Gartengeräte.

Mehr als hundert Geschäfte zählt die Regierung heute. Trotz steigender Mieten in der ganzen Stadt hat das Quartier sein besonderes Flair bewahrt: ein Stück ländliches Hongkong, mitten in der Metropole – und eine lebendige Lektion darüber, wie aus einem Feldweg ein globaler Blumenmarkt wurde.

網上花店推介