Wer in Hongkong aus der U‑Bahn‑Station Prince Edward tritt, dem schlägt eine duftende Welt entgegen. Orchideen, Rosensträusse und Glücksbambus säumen die Strassen, so weit das Auge reicht. Die Rede ist vom Blumenmarkt Hongkong (Fa Yuen), einem der ältesten und beliebtesten Märkte der Metropole. Seine Geschichte ist jedoch weit komplexer, als es die bunten Social‑Media‑Bilder vermuten lassen.
Ein temporärer Markt an der Kolonialgrenze
Die Wurzeln des Marktes liegen im 19. Jahrhundert. Nachdem Grossbritannien 1860 die Kowloon‑Halbinsel annektierte, verlief die Grenze nördlich von Mong Kok. Chinesische Bauern begannen, ihr Land statt mit Reis mit Blumen zu bepflanzen. Der Verkauf fand in der Abenddämmerung direkt an der Grenze statt. Der Markt war ein klassischer «Fa Yuen» – ein temporärer Markt, der sich nach dem Handel wieder auflöste.
Vom Bauernmarkt zur Grosshandelsdrehscheibe
Die Eisenbahn brachte den Durchbruch. Mit der Eröffnung der Canton‑Kowloon‑Railway im Jahr 1910 gelangten Blumen aus den New Territories nun rascher in die Stadt. Offiziell seinen Namen erhielt das Quartier jedoch erst 1948, als die Kolonialregierung die Strasse taufte. (Historiker sind sich hier uneinig: Einige Quellen datieren die Namensgebung auf die 1970er‑Jahre.)
In den 1970er‑ und 80er‑Jahren erlebte der Markt seinen radikalsten Wandel. Die rasante Industrialisierung Hongkongs verdrängte die Landwirtschaft. Immer weniger Bauern kamen auf den Markt; stattdessen zogen Händler in feste Ladengeschäfte. «Es ist eine Ironie der Geschichte», analysierte das Portal CityUnseen, «dass die Bauern, die den Markt gründeten, nach und nach von den Händlern verdrängt wurden.» Der Markt wandelte sich zum internationalen Blumen‑Grosshandelszentrum.
Blütezeit in der Moderne
In den 1990er‑Jahren entdeckte der Massentourismus den Markt. Der Wunsch nach Grün in den winzigen Wohnungen Hongkongs und die blühende Festkultur (chinesisches Neujahr) liessen die Nachfrage explodieren. Heute zählt der Markt rund 120 Geschäfte. Die festen Ladenlokale bewahrten ihn vor der Abwanderung, die andere temporäre Märkte in den 2000ern erlebten.
Die Zukunft: Sanierung mit Nebenwirkungen
Seit 2019 steht der Markt vor der grössten Bewährungsprobe seiner Geschichte. Die städtische Erneuerungsbehörde (URA) hat ein Sanierungsprojekt für das Gebiet um die Fa Yuen Street lanciert. Sechs Bauparzellen, 31 Gebäude, 275 Haushalte und 33 Gewerbebetriebe sind betroffen. Investiert werden umgerechnet knapp 300 Millionen Franken. Die Behörde verspricht neue Wohnungen und einen öffentlichen Park («Urban Water Channel»).
Laut URA sind nur rund 20 der 120 Blumengeschäfte direkt von der Überbauung betroffen. Der Charakter des Marktes solle erhalten bleiben. Dennoch ist die Sorge unter Händlern und Denkmalschützern gross. «Wer garantiert uns, dass wir uns die neuen Mieten noch leisten können?», fragt sich ein Händler gegenüber der Lokalpresse. Kritiker befürchten eine Gentrifizierung des Viertels – ein Schicksal, das andere sanierte Quartiere in Hongkong bereits ereilt hat. Die Entschädigung für die Eigentümer liegt bei umgerechnet rund 20’000 Franken pro Quadratmeter.
So besuchen Sie den Markt
- Anreise: MTR Prince Edward (Ausgang B1) oder Mong Kok (Ausgang D). Nur wenige Gehminuten.
- Beste Zeit: Am Morgen für die frischeste Ware. Vor dem Chinesischen Neujahr (Januar/Februar) herrscht der grösste Trubel.
- In der Nähe: Der Vogelmarkt (Yuen Po Street), der Goldfischmarkt und der Ladies Market laden zum Bummeln ein.
Der Blumenmarkt ist ein Spiegel von Hongkong: Er verändert sich ständig, ohne seine Seele ganz zu verlieren. Ob ihm dies auch mit der geplanten Grossüberbauung gelingt, wird sich in den nächsten Jahren weisen. Klar ist: Der Markt ist weit mehr als eine Touristenattraktion – er ist ein lebendiges Stück Stadtgeschichte, dessen Zukunft gerade neu geschrieben wird.