ZÜRICH/PEKING. Der ursprünglich westliche Valentinstag hat sich in Asien zu einem komplexen soziokulturellen Spiegelbild entwickelt, das Romantik mit tief verwurzelten lokalen Traditionen, gesellschaftlichen Pflichten und modernen Strömungen verbindet. Statt einer einfachen Feier der Liebe manifestiert sich der 14. Februar in Ost-, Südost- und Südasien in überraschend vielfältigen und oft nuancierten Formen, die von strenger Etikette bis hin zu offenem, manchmal kontroversem, Ausdruck reichen.
In Ostasien wird die Feier stark durch soziale Hierarchien und geschlechtsspezifische Rituale geprägt. In Japan beispielsweise, wo der Valentinstag nach dem Zweiten Weltkrieg durch kommerzielle Kampagnen populär wurde, dominiert der Fokus auf gegenseitige Verpflichtung und soziale Harmonie. Frauen überreichen am 14. Februar Schokolade, die sorgfältig in zwei Kategorien unterteilt wird: Giri-choco (Pflichtschokolade), aus Höflichkeit an männliche Kollegen und Bekannte geschenkt, und Honmei-choco (wahre Gefühlsschokolade), die ausschliesslich dem Partner oder der heimlichen Liebe gewidmet ist. Dieser Akt betont einen rituellen Austausch und die Einhaltung sozialer Normen, wobei der darauffolgende «White Day» am 14. März Männer zur Reziprozität verpflichtet.
Südkorea treibt die Romantik auf die Spitze, indem es eine Trilogie der Feiertage begeht: Valentinstag im Februar und «White Day» im März, ergänzt durch den «Black Day» am 14. April. Dieser Tag ist jenen Singles gewidmet, die sich versammeln, um in schwarzer Kleidung Jajangmyeon (Nudeln mit schwarzer Bohnensauce) zu essen – ein deutliches Zeichen für die wachsende Bedeutung der Identifikation mit dem Alleinsein. Die koreanische Kultur mischt westliche Romantik mit konfuzianischen Strukturen, was zu einer bewussten und oft performativen emotionalen Äusserung führt.
In der Volksrepublik China konkurriert der importierte Valentinstag mit dem traditionellen Qixi-Fest (siebte Nacht des siebten Monats), das auf die Legende des Kuhhirten und der Weberin zurückgeht und Treue sowie die Sehnsucht nach Wiedervereinigung betont. Junge Städter nutzen den westlichen Tag für moderne Symbole wie rote Rosen und Pralinen, die Leidenschaft und zeitgenössische Romantik versprechen.
Südostasien, insbesondere die Philippinen mit ihrem starken US-Einfluss, feiert den Valentinstag oft öffentlich und extrovertiert, wobei der Fokus auf individueller Werbung und der öffentlichen Anerkennung von Liebesbeziehungen liegt. Im Gegensatz dazu sehen sich die Feierlichkeiten in stärker muslimisch geprägten Ländern wie Indonesien und Malaysia religiösem Widerstand gegenüber. Hier wird der Feiertag von jüngeren, urbanen Generationen oft im Privaten begangen, was ein Symbol für modernen Säkularismus und einen jugendlichen Bruch mit traditionellen Werten darstellt.
Die Verbreitung des Valentinstags in Südasien, besonders in Indien, markiert seit den 1990er-Jahren eine Akzeptanz globaler Liebeskonzepte, insbesondere unter der städtischen Jugend. Diese modernen Rituale stehen im Kontrast zu traditionellen arrangierten Ehen. In Pakistan ist die öffentliche Feier des Valentinstags teilweise stark umstritten und wird in manchen Regionen verboten, wobei sie für junge Menschen ein Zeichen persönlicher Freiheit und eines modernen Lebensstils darstellt.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der asiatische Valentinstag weit mehr ist als nur ein kommerzialisiertes Liebesfest. Er dient als dynamisches Feld, auf dem sich globale Trends mit strikten sozialen Etiketten, religiösen Überzeugungen und den Herausforderungen der Moderne messen. Ob als zeremonieller Schokoladen-Austausch, als Statement der Jugend-Rebellion oder als Feier des Single-Daseins – die Transformation des westlichen Feiertags liefert faszinierende Einblicke in die sich wandelnden Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Werte Asiens.